Der Zauberer vom Huronsee Drucken

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Vor vielen Jahren, als der Stamm der Ottawa noch auf den zahlreichen Inseln im Huron-See wohnte, die heute Manitulin-Inseln genannt werden, lebte in einem der Dörfer ein großer Zauberer mit Namen Massawaweinini. Massawa-weinini war überall hoch angesehen und gefürchtet, denn man erzählte sich Wunderdinge von seiner Kunst. Sein Name, der Lebendige Statue bedeutete, flößte jedem Ehrfurcht ein, denn man ersah daraus, daß er selbst geschnitzte Figuren zum Leben erwecken konnte, wenn er wollte.

Eines Tages nun geschah es, daß die Dörfer der Ottawa von den räuberischen Irokesen überfallen wurden. Den ganzen Sommer dauerte der Krieg, und als es Winter wurde, war der größte Teil der Dörfer zerstört. Mühsam erhielten sich die Menschen den Winter über am Leben. Im Frühjahr jedoch beschlossen die Häuptlinge, sich zurückzuziehen, und die Ottawa verließen ihre alte Heimat. Nur Massawaweinini, der alte Zauberer, blieb auf der größten Insel zurück, denn hier wohnten die Manitoulin, die Geister, denen er bisher gedient hatte und die er nicht verlassen wollte. Zwei junge Krieger wurden ebenfalls zurückgelassen; sie sollten als Kundschafter dienen und den Häuptlingen die Bewegungen des verhaßten Feindes melden.

Tagelang verbargen sich die drei Indianer in den zahlreichen Buchten und Schilfständen der Inseln. Nachts zogen sie ihr Rindenkanu ans Ufer, versteckten es in einem dichten Gebüsch und achteten darauf, keine Spuren zu hinterlassen. Eines Morgens erwachte der Zauberer sehr früh, ließ die schlafenden Begleiter zurück und begab sich auf die Jagd. Vorsichtig hielt er sich innerhalb des Waldrandes, aber nach einer Weile mußte er eine Lichtung überqueren. Mit schnellen Schritten eilte er durchs Gras, als er mitten auf der Waldlichtung einen kleinen Mann traf, der aus der Erde gekommen zu sein schien. Das Männlein trug eine rostrote Feder im Haar und tat ganz so, als ob der Zauberer ein guter Bekannter sei.

"He, wohin denn so früh?" Bei diesen Worten nahm er eine Pfeife vom Halse und stopfte sie mit Tabak. Nachdem er ein paar Züge getan hatte, bot er sie dem Zauberer an, der ganz verdutzt dabeistand und sich den ganzen Vorgang nicht erklären konnte. "Du scheinst sehr stark und mächtig zu sein", sagte der kleine Mann mit der rostroten Feder, "komm, laß uns sehen, wer stärker ist. Wenn du mich auf die Erde zwingen kannst, so rufe >Wa-ga-ma-na<, >Ich habe dich bezwungenen<."

Der Zauberer war einverstanden, rief seine Schutzgeister zu Hilfe und legte seine Waffen ins Gras. Dann begannen beide, schweigend miteinander zu ringen. Lange Zeit ging der Kampf hin und her; der kleine Mann mit der rostroten Feder im Haar schien außergewöhnlich stark und behende zu sein, und der Zauberer hatte alle Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Am Ende aber gelang es ihm durch einen überraschenden Vorstoß, den Gegner zu Boden zu werfen. "Wa-ga-ma-na! Wa-ga-ma-na", rief er aus, und im gleichen Augenblick war das Männlein verschwunden!

Als der Zauberer sich verblüfft umsah, wohin denn sein Gegner so plötzlich geraten sein konnte, fand er an der Stelle, wo er den seltsamen Burschen ins Gras geworfen hatte, einen kleinen Kolben Mais, an dessen Ende ein Büschel rostroter Fasern saß. Kopfschüttelnd betrachtete er das unscheinbare Ding, als der Maiskolben mit einem Male zu sprechen anhub: "Zieh mich aus, zieh mich aus!" bat er immer wieder. Der Zauberer tat ihm den Gefallen und befreite den Kolben von der gelben Maisstrohhülle. Da sah er lauter kleine gelbe Körner, in wunderbarer Ordnung aufgereiht. Der Kolben aber ließ sich wiederum vernehmen: "Du mußt mich auseinanderbrechen! Nimm die Körner von meinem Rücken und wirf sie überallhin auf die Lichtung. Komm nach einem Monat wieder hierher."

Der Zauberer verstreute die gelben Körner über die Lichtung, bis er am Ende nur noch den leeren Kolben in der Hand hatte; den aber warf er achtlos am Waldrande fort. Als er zu den Wachen zurückkam, war er immer noch verwundert über sein Erlebnis, sagte den beiden aber nichts. Denn schließlich verstanden sie ja sehr wenig von solchen Dingen, und Geister waren ihm weit mehr vertraut.

Nach einem Monat schlich er sich eines Morgens zurück auf die Lichtung; von dem Männlein mit der rostroten Feder war weit und breit nichts zu sehen, und auch die gelben Körner waren verschwunden. Statt dessen wuchs überall ein seltsames Gras, das er vorher noch nie gesehen hatte. An jener Stelle aber, an der er den körnerlosen Kolben fortgeworfen hatte, war der Boden bedeckt mit langen Ranken, und an den Enden der Ranken waren kleine Früchte zu erkennen. Kopfschüttelnd ging der Zauberer zum Lager zurück.

Den Sommer über beobachteten die drei Zurückgebliebenen die Irokesen, deren Kriegshaufen in schnellen Kanus die Küsten des Sees abstreiften, immer auf der Suche nach Beute. Dann aber war es Herbst, und die Blätter des Zuckerahorns leuchteten wie gelbes Feuer. Wieder ging der Zauberer eines Morgens an die Stelle, an der er mit dem Geist gerungen hatte. Die ganze Lichtung hatte sich verändert! Überall stand die seltsame Pflanze, die mittlerweile sehr gewachsen war. An den Stauden aber saßen schwere Kolben, und jeder von ihnen trug einen rostroten Schöpf!

Auch die Früchte an den Ranken waren zu mächtigen Kugeln geschwollen, so daß der Zauberer Mühe hatte, sie aufzuheben. Voll und gelb leuchteten die Kürbisse zwischen den dunklen Blättern hervor. Als der erstaunte Mann einen Maiskolben abbrach, um zu sehen, ob darin auch etwa jene gelben Körner seien, hörte er mit einem Male eine bekannte Stimme: "Du hast mich besiegt, von nun an gehöre ich dir. Jedesmal, wenn der Frühling kommt, sollst du mich nehmen, auseinanderbrechen und die gelben Körner über das Land streuen. Folgst du meinem Rat, so wird es nie Hunger geben bei den Menschen."

Massawaweinini, der Zauberer, sah sich erstaunt um und fragte schließlich: "Wer bist du? Ich kenne nicht einmal deinen Namen! Sage mir, wer du bist, damit wir wissen, wie wir unseren Wohltäter anreden sollen." Noch einmal ertönte die Stimme jenes kleinen Mannes mit der rostroten Feder aus dem Maiskolben, den der Zauberer in der Hand hielt: "Ich bin Mon-da-min, der Geist des Maises." Dann blieb es still, und nur das Rascheln der Maisblätter im Winde war zu hören.

Der Zauberer kehrte bald darauf zurück zu seinem Stamme und brachte den Ottawa das Geschenk des kleinen Mannes mit der rostroten Feder. Aus Dankbarkeit nennen die Ottawa den Mais noch heute Mon-da-min und veranstalten in jedem Jahre ein besonderes Fest zu Ehren ihres Wohltäters.



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frei überlieferte indianischer Mythos

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